Sammler
[Peter Eicher]
Die Vögel des Himmels
“Ich war bereits einmal Knabe, Mädchen, Pflanze, ein Fisch und ein Vogel und ein stummer Seefisch”
Empedokles
“Und was, bitte, haben die Christen von den Vögeln des Himmels gelernt?”
Ich war mir sicher, dass die Anwesenden beschämt gestehen würden, dass sie bisher kaum darauf bedacht waren, in diesem Punkt von der Bergpredigt zu lernen. Da rief eine Frau in den Vortragssaal: “Singen!” Die Erleichterung war allgemein.
Singen denn die Vögel früh am Morgen und kurz vor Einbruch der Nacht nicht ohne alles Warum? “Die Amsel schlägt / Die Finke pinkt / Die Lerche direlieret / Der Zeisig und der Stieglitz singt / Und alles musizieret.” Mit dieser Schalmei hatte Angelus Silesius den Christenmenschen vorgeführt, was vom Singsang der Vögel zu lernen wäre. Ihr Trillern und ihr munteres Pfeifen nehme das Himmelreich vorweg und lehre uns deshalb nichts weniger als die Kunst, nach den Seligpreisungen glücklich zu leben: “Nun, dieses ist die Seligkeit! …. Die arm im Geiste sind… / Die alles mit Bescheidenheit / Regieren und verwalten /… Die nicht nach Ansehen / Lieb und Leid / Für ihren Hunger fragen… / Die ihres Nächsten Herzeleid / Aufnehmen mit Erbarmen… / Die sich des Friedens früh und spat / Aus Herzens Grund befleißen / Die wird man … Gottes Kinder heißen.”
Wir wissen nicht, wie wir jetzt noch fröhlich sein sollen. Das Wachstum der inneren psychischen Nöte und das Erschrecken über die weltpolitischen Verdüsterung, die Zunahme der sozialen Ängste und das diffuse Gefühl, hilflos einer wirtschaftlichen Depression ausgeliefert zu sein, lasten über der Landschaft der Seelen. Innerhalb weniger Monate scheint sich das etwas lebenslustiger gewordene Zeitalter in eine Zukunft von endlosen Sorgen verwandelt zu haben. Schon als Kinder seien wir eine ökonomische Belastung gewesen, erfahren wir nun, und als Arbeitende würden wir viel zu wenig Rentenbeiträge leisten, als Kranke schadeten wir den Versicherungen und als Rentner verzehrten wir das Volksvermögen. Schlimmer noch. Als Menschen seien wir einfach umweltschädlich: ökonomisch, ökologisch und politisch eine Katastrophe. Das Lied der Gegenwart besteht wahrlich nicht im munteren Vogelgezwitscher, eher gleicht es Johann Sebastian Bachs Kantate “Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen”. Dreimal seufzt zu Beginn schon das betrübte Ich nichts als Ich… Ich… Ich… Und dann dreht sich das Mühlrad von viel Bekümmernis endlos in allen Tonstufen, allen Stimmen und allen Rhythmen. Seltsam mutet nur an, dass mitten in diesem Endlos-Klagen ganz plötzlich völlige Stille eintritt, einen Atemzug lang – da ist nichts zu hören als ein streng durchgeführter Takt, der in einem einzigen Hauch nur dieses eine singt: “Aber”. Dieses Aber befreit die Stimmen und wirft sie in einen Raum einer glücklichen Fuge, welche wie im Fluge die Seele erquickt.
Außer einigen schrägen Vögeln wissen alle, dass die komplexen Probleme der Sozialversicherungen und der Gesundheitsfürsorge eben so wenig wie die Dringlichkeiten der Friedenspolitik durch die Imitation von Singvögeln zu lösen sind. Die Bergpredigt aber empfiehlt, das Glück des Daseins aus der Art und Weise zu lernen, wie die Vögel sich ernähren. Ganz offensichtlich war der Menschensohn aus Galiläa davon berührt, dass die lustigen Gesellen der Luft ohne Geld auskommen und nicht um den Mammon herumfliegen. Dazu kommt, dass bei den Vögeln alle – nicht nur Christen – gratis in die Schule gehen können. Allerdings beginnt der Unterricht recht früh, lange bevor die Sonne aufgeht. Offenbar fangen die Vögel mit jedem neuen Tag etwas Neues an: Sie singen nicht immer nur aus ökonomischen Gründen. Dann fliegen sie zu zweit durch die Luft, als wäre das weit gespannte Zusammensein schon Sinn des Daseins genug. Sie holen sich keck und fleissig, was in den Schnabel passt. Ihnen scheint es sonnenklar, dass sie den Überfluss der Natur reichlich verdient haben. Einige Vogelarten singen sich dazu noch ein Weibchen herbei und andere wieder singen Eindringlinge aus dem Revier. Fast alle bauen Luftschlösser, praktische und so faszinierend kühne, dass zumindest Architekten sich eingestehen könnten, dass sie von Vögeln noch einiges zu lernen haben. Was den Menschensohn jedoch am meisten faszinierte, war offenbar die Art und Weise, wie die Raben und wie die andern Vögel mit Besitz, mit Nahrung und mit der Zeit umgehen. Sie leben in der Gegenwart, weil ihnen offenbar das tägliche Brot genügt. Es ist, wie wenn sie noch von der Schönheit leben könnten, ohne Angst zum Tode.
Die Griechen und die Römer wussten, warum sie die Vögel als Lehrmeister auf dem Weg zur Glückseligkeit verehrten. Die Vögel, so erzählte ihr Mythos, wurden von Orpheus höchstpersönlich in Gesang unterrichtet. Als der singende Göttersohn, als Orpheus in das Reich des Todes eingedrungen war, um seine verstorbene Geliebte hinaufzuführen, da schaute er zu früh zurück, weil er ohne Anblick von Eurydice nicht mehr sein konnte. Sie entglitt ihm. In namenloser Trauer spielte Orpheus nun den Vögeln des Himmels und den Tieren des Waldes die Leier. So lernten sie von ihm den Gesang, der zur Auferstehung von den Toten, zur Klage über das Verlorene und zum Ausdruck neuer Lebenszuversicht geworden war. Die alte Kirche hat Orpheus mit Christus identifiziert. Christus mache, so Eusebius, aus unserem eigenen Körpern ein Instrument für die Musik der Auferstehung. So wären wir denn in christlicher Sicht selber Vögel, die im Baum des Lebens nisten und jeden Tag aufs Neue den Gesang anstimmen, der den Tod besiegt.
Wir haben viel Bekümmernis. Aber – die Vögel lehren uns, wie die Sorge um das Dasein von selbst verfliegt.
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Die Lilien des Feldes
“Bilder aus hellerer Zeit, leuchtet ihr mir in die Nacht?”
Hölderlin
“Doch”, sagte er leise, “ein einziges Mal war ich glücklich, … selig sogar.”
Der eher nervöse und etwas zynische Arzt pflegte ansonsten nicht über sich selbst zu sprechen. Niemand wagte zu atmen. Er erzählte ganz einfach, wie er vor seinem dritten Lebensjahr eine Zinie gesehen habe, eine rote Zinie im Garten. Sie sei größer gewesen als er, der Knirps. Hinter dem Haus habe man den Bach gehört, die Mutter habe im Garten gestanden und er habe gar keine Angst gehabt. Die Zinie habe so intensiv geleuchtet und so stark geduftet, dass er der glücklichste Mensch auf Erden gewesen sei – wie es halt so zugehe in der Kindheit. Skeptisch gegenüber seiner Erinnerung sei er nun an seinen Geburtsort zurückgefahren und habe das Haus und den Garten und den Bach genau so vorgefunden wie in seiner Erinnerung. Die Leute hätten sich gewundert, dass ein fremder Mensch sprachlos uns sehr lange in ihrem Garten gestanden habe.
Er lachte verlegen. “Für mich hätte das Leben nur dann einen Sinn, wenn dieses Kindheitsglück nicht für immer verloren wäre.”
Wir haben nicht gelacht. Wir haben einander Du gesagt. Damals haben wir den Befehl der Bergpredigt erhalten: “Lernt von den Lilien, wie sie auf dem Felde wachsen”.
Die Graslilie kann das Auge geradezu erschrecken. Auf warmen Berg- und Trockenwiesen sticht sie von Südafrika bis in den hohen Norden unter allen Gräsern und Blumen in spitzer Schönheit hervor. Ihre sechs schlanken und schneeweißen Blütenblätter stehen zentral winkelig von einem hohen und astlosen Stängel ab. Im Kontrast zur genauen Geometrie des Blütenstandes spielt der Wind die samtgelben Staubfäden verwirrend um das Pistill. Die Blüten wiegen sich hoch über den schmalen, sattgrünen Blättern und geben dem schauenden Auge die Fülle der Klarheit und des Lichtes wieder, aus dem sie selber gewachsen sind. Wer nicht so poetisch empfindet, mag sich an die Geschwister der Graslilie erinnern, um zu spüren, was für Befehlshaber das Evangelium für ein glückliches Dasein vorgesehen hat: das Maiglöckchen und die Herbstzeitlosen, den Goldstern und den Bärlauch, das Salomonssiegel, den Blaustern und den Türkenbund…
Es gibt Situationen, die allen die Sprache verschlagen. Jedes Wort ist überflüssig und eine Verletzung. Darum bringen wir erkrankten, trauernden und verzweifelten Mitmenschen Blumen und lassen an Gräbern Lilien für sich selber sprechen. Blumen verstehen es besser als Menschen, das Wesentliche ohne Verletzung auszusprechen. Sie duften. Sie trösten durch die ihnen eigene Würde, durch ihre Stille und durch ihr Schönsein, das keinen Druck ausübt. Sie sind einfach da. Und weil sie nichts sagen ohne gleichzeitig zuzuhören, kann der betrübte und der gestresste und der verzweifelte Mensch bei ihrer Betrachtung in sich selber wieder etwas vernehmen und in sich selber wieder zu reden beginnen. Mehr noch: Er kann spüren, wie Blumen und wie Lilien wachsen: “Sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht.” Welche Entlastung! Die Lehrmeister der Menschlichkeit sind ohne Anstrengung schön und ohne Zukunftssorge wachsam. Wer mit den Augen hören lernt, der vernimmt den Auftrag, in sich so stimmig und so ganz und so intakt zu werden, wie diese seltsam leisen und befremdlich arglosen Gebilde.
Ist es möglich, dass mitten in der Bergpredigt den Besorgten und Betrübten etwas erotisch Schönes anbefohlen wird?
Es ist möglich. Denn immerhin sind im biblisch Hohen Lied die Lilien starke Bilder für den Liebenden und für die Geliebte. Der Leib der Schönen gleicht “dem mit Lilien geschmückten Weizenhaufen” und “seine Lippen duften wie die Lilien”. Der Liebende geht in ihren Garten, “um unter Lilien zu weiden” und freut sich, wie sie sich selbst “als Lilie der Täler” besingt (7,3; 5,13; 2,16; 2,2.). Es ist diese elementare und lautere Erfahrung, die nach der Bergpredigt den Boden abgibt für das stille Wachstum der schwierigen Feindesliebe, der Sanftmut und des Daseins, das in sich einfach stimmig wird. Eine Lilie auf dem Feld macht keinen Unterschied zwischen sich und ihrem Aussehen, zwischen ihrer Schönheit und ihrer Bekleidung. Wie sie von Gott geschaffen wurde, stellt sie sich zur Schau. Sie lebt ohne Scham paradiesisch.
Der Menschenkenner aus Galiläa kannte die Sorge um das Aussehen und er kannte die Angst um das Ansehen. Er hat das Leiden um die eigene Identität an seiner verletzlichsten Stelle wahrgenommen. Wir fürchten, mit unserem eigenen Körper den Anforderungen für ein glückliches und erst recht für ein ewiges Leben nicht zu genügen. Wir fürchten die Vergänglichkeit. Diese Angst hat die Lilie nicht. Sie blüht stolz, auch wenn sie einige Tage später als Stroh verbrannt wird. Obwohl diese Logik der Augen für den berechnenden Verstand ver-rückt klingt, hat der Menschensohn doch eben dieses stille Schauen gelehrt: Wenn schon die Lilie in ihrer Schönheit sich nicht um ihr Vergehen sorgt, um wie viel weniger müssen wir uns dann um unser Vergehen bekümmern. Zwar sind die Kleider von Salomo ein Ramsch im Vergleich zur Pracht von Blumen – aber Salomo selber und seine viel Geliebten sind mehr als Blumen. Sie sind Körper aus Gottes Hand. Was gibt es da zu fürchten?
Die kleine Luisa zählt bald zwei Jahre. Als ich ihre prallgelbe kleine Gießkanne füllte, nahm sie mich bei der Hand und führte mich zu den Krokussen auf die Wiese. Sie begoss jede einzelne Blüte und setzte ihren Liebling, den “Freund” aus Lappen neben die Blumen. Sie stellte ihr Wasserfläschchen neben den Freund und zog mit mir von dannen. Offenbar sollte ihr Freund lange hingucken und dabei nicht verdursten. Das Kind zeigt uns nervösen und besorgten Zeitgenossen, wie wir “beschaulich” lernen können, Mensch zu sein. In der christlichen Kunst berührt oft auch der Engel der Verkündigung mit einer Hand eine Lilie. Sie ist die Blume, durch welche Christus selber körperlich empfangen wird. Israel hat das Geheimnis dieses Lebens, das die Angst vor der Zukunft durch das innere Aufblühen in der Gegenwart überwindet, “durch die Blume” erfahren: ” Ich werde für Israel da sein wie der Tau, damit es aufblüht wie eine Lilie und Wurzeln schlägt im Libanon.” (Hos 14,6).
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Glücklich die Armen?
“Des Armen Haus ist wie des Kindes Hand.”
Rainer Maria Rilke
“Eine Praline, Du, Fräulein, kauf mir eine Praline.”
Sie spürte ein Zerren an ihrem Kleid und wie sich etwas darin verfing. Sie sah die bloßen Füße und die weit geöffneten Augen und sie verspürte eine kleine unscheinbare Hand. Die Geduld, mit der das Kind seinen Hunger ertrug, brachte sie durcheinander. Sie schaute – für einen Augenblick – in den Abgrund des Mangels, aus dem die kleine Bitte emporwuchs. Mit Erstaunen hörte sie, wie sie in der Bäckerei in hartem Ton nach Pralinen für das Kind verlangte: “Welche willst du?”
Ein kleiner Finger zeigte auf das Gebäck mit der Schokoladenspitze: “Das da”.
Es war ihr unmöglich, dem Kind nicht weitere Süßigkeiten anzubieten. Aber das Kind ging sparsam mit dieser Großzügigkeit um: “Nein, nein, kein anderes, nein.” Dennoch erpresste sie dem Kind das Geständnis, dass es auch noch das gelbe Tortenstück haben möchte. Sie kaufte es im Gefühl der Schande und im Stolz auf ihre Großzügigkeit. Das Kind drehte sich um und verließ den Raum mit erhobenen Händchen, in denen es die zwei Trophäen davontrug.
Clarice Lispector hat diese Erzählung die Geschichte von den “schändlichen Liebeshandlungen” genannt. Schon mit 12 hatte sie ihre Mutter verloren und mit 18 hatte sie die Sprache gefunden, die das Absurde in der Begegnung psychisch erfasste. Sie kannte die innere und die äussere Welt der Entbehrung und sie kannte die Welt der Diplomatie und des Überflusses. Sie wusste, von welcher Schande sie sprach.
Der Anfang der Bergpredigt offenbart die Verlegenheit mit der Armut. Die erste Seligpreisung, wie Lukas sie überlieferte, scheint dabei sogar die eigenen Worte des radikalen Propheten aus Galiläa wiederzugeben: “Glücklich ihr Armen – ihr seid in Gottes Reich… Weh euch Reichen – ihr habt den Lohn dahin.” Offenbar hat der Menschensohn die materiell, sozial und psychisch Verarmten ohne Wenn und ohne Aber glücklich gepriesen, weil sie jetzt schon in Gottes Bereich leben würden. Die Vorstellung, wonach die Erniedrigung der Armut ein göttlich verbürgtes Glück auf Erden sein soll, wirkt jedoch so befremdlich, empörend und paradox, dass die spätere Auslegung der ersten Seligpreisung durch Matthäus beide, die Geschändeten und die gut Situierten, bis heute aufatmen ließ: “O Glück, wer im Geist arm wird, er lebt in Gottes Welt.” In sich selbst unbedürftig und bescheiden zu leben, das wirkt ideal. Das geht in Ordnung. Aber mitten im Schmerz der Entbehrung auch noch glücklich gepriesen zu werden, ist das nicht ärger als die Verelendung selbst? Armut ist etwas sehr anderes als was in vielen Lexika steht: “der normale Mensch minus unser Geld, minus unsere Bildung, minus unsere Versicherungen, minus unsere Familienkultur, minus unsere staatlichen Papiere, minus unsere soziale Anerkennung…” – Armut ist die permanente Erfahrung des Entzugs, der Verkennung, der Ausschließung, der Entwürdigung und der Vernichtung der Persönlichkeit. Armut ist Entmenschlichung. Sie ist kein Glück.
Die Bitte in den Kinderaugen wirkte auf die junge Frau wie der Anruf aller Hungernden auf dieser Erde. Sie konnte nicht anders als zu wünschen, dass auf dieser Erde alle Kinder satt, dass alle beheimatet, dass alle gepflegt, alle geliebt und alle in eine große und gute Selbständigkeit entlassen würden. Wer eine offene Kinderhand durch den Stacheldraht vor dem Hotel hindurch gesehen hat, wer auf offener Straße im Müll der Großstadt jemals das Keuchen eines an Aids sterbenden Kindes oder seiner Mutter oder eines Ausgestoßenen gehört hat, wer ein Kind beim Namen kennt, das vor dem Anfang seines eigenes Lebens am Mangel verstarb, der kann den Schrei seines innersten Wunsches nicht unterdrücken: Alle, alle mögen gesehen, aufgenommen, getröstet, gepflegt, gerettet werden.
Jesu harter Ruf, wie ihn Lukas überlieferte, formulierte keine Theorie über die Armut. Er redet die Armen selber an. Bis heute gibt dieser Ruf der innersten Revolte Ausdruck, welche die Schande hinausschreit und im Schrei dem Unterdrückten die Hand aus dem Innersten der eigenen Existenz reicht: Dir gehört die Erde, Du bist der von Gott geliebte Mensch. Du hast das Recht auf Glück.
Bis vor wenigen Jahren habe ich nicht gewusst, was Armut ist. Seither erlebte ich, was die Verelendung von Massen bedeutet. Sie bedeutet ein Leid nach dem andern, die Verkennung und den Missbrauch eines jeden – ungezählt. Die Massenverelendung hat den zweijährigen Ali vernichtet und die zwölfjährige Maria und den zweiundzwanzigjährigen João und die kleine Carlotta und den Marcelino, zehnfach, hundertfach, tausendfach, hunderttausendfach, millionenfach. Und dennoch haben wir von Maria und von João und von Therezina und von Claudia und von Tausenden im Dreck, im Lärm und im Müll gelernt, dass Armut noch etwas ganz anderes ist. Mitten in der Gewalt ist sie die Kunst, aus Nichts eine Bleibe, aus Müll eine Nahrung, aus Fetzen Kleider, aus der Erkrankung und aus dem Sterben eine innere Haltung und aus sich selbst einen Menschen zu machen. Die Würde der Armen ist unaussprechlich.
Wie kommt heute die eine Hälfte der Menschheit zur Anderen ? Die Antwort des Evangeliums ist die Brücke. Sie entsteht aus dem innersten Wunsch, aus der innigen Verheißung, dass der ausgeschlossene Teil dazu gehöre, angenommen und hoch empor gehoben werde. Wir kommen zu den Armen, indem wir die Armut in uns selber zulassen. Das heißt “im Geist” arm zu werden und ledig der großen Angst um unseren Besitz. Die ‚reichere’ Hälfte der Menschheit kommt zur anderen nicht ohne den Mut zur Spiritualität. Sie ist der Anfang der Solidarität, die das Antlitz der Erde verändert.
Der Besitz kann die Freude am Leben verderben, weil er verlangt, alle Zeit für seine Sicherung da zu sein. Der Arme lebt jeder Zeit ungesichert. Deshalb setzt er sich selber ein. Wer mit den realen Armen dieser Erde innerlich arm wird, der lebt wie die Graslilie und wie der Vogel im Flug authentisch aus sich selbst: arm und reich beschenkt durch die Verbindung mit den anderen Menschen und mit dem Kosmos, der uns trägt. Es wird Zeit, dass dieser Mensch zur Welt kommt